(© Melanie Vogel) Es gibt solche Tage – da klappt einfach nichts. Die Stimmung ist im Eimer, die Motivation „missing in action“ und eine Düsternis jagt die nächste. Kein Licht am dunkelgrauen Horizont. Das Leben ist anstrengend und ein undurchdringliches Jammertal. Und irgendwann, mitten in einem solch schlechten Tag, hört der Tag auf, einfach nur ein Tag zu sein. Er beginnt, sich wie ein Beweisstück über das eigene Leben anzufühlen.
Eine ungünstige Verallgemeinerung
Die Erschöpfung, die eigentlich nur zu diesem Nachmittag gehörte, scheint plötzlich etwas über die Karriere auszusagen. Eine einzige Zurückweisung beginnt, die Erwartungen an die Zukunft zu formen. Ein einsamer Abend reicht auf einmal weit über diesen Abend hinaus. An den Fakten hat sich nichts geändert. Wir haben nur begonnen, aus ihnen viel größere Schlüsse zu ziehen.
Diese Verschiebung lässt sich manchmal direkt in der Sprache hören, die wir benutzen.
Aus „Heute war schwierig“ wird „in letzter Zeit ist einfach alles schwierig“.
Aus „Ich fühle mich verloren“ wird „Ich habe keine Ahnung, was ich mit meinem Leben anfange“.
Aus „Das hat nicht funktioniert“ wird „Nichts, was ich versuche, funktioniert je“.
Am Anfang bleiben wir noch nah an dem, was wir tatsächlich wissen. Dann beginnen wir, Behauptungen über Monate, Jahre, manchmal über eine ganze Zukunft aufzustellen. Wörter wie immer, nie, alles und nichts erlauben es einem Urteil, das in einem einzigen Moment entstanden ist, für weit mehr von unserem Leben zu sprechen, als es eigentlich abdecken kann.
Alles Ebbe, oder was ?!
Zu diesem Zustand passt das Bild der Ebbe. Hätte man das Meer noch nie zuvor gesehen und käme an einer Küste an, nachdem sich das Wasser zurückgezogen hat, wäre vieles von dem, was man beobachtet, durchaus richtig. Die Boote lägen tiefer. Der Schlick läge tatsächlich frei. Das Wasser wäre tatsächlich weit von dort entfernt, wo es einmal war.
Unser Bewertungsfehler würde dort beginnen, wo wir anfangen, diesen Zustand zu verallgemeinern und von dieser Momentaufnahme auf den gesamten Ozean schließen. Oder schlimmer noch: auf das Wasserreservoir der ganzen großen, weiten Erde (so entstehen dann Klimaveränderungsgeschichten…).
Wie schlechte Zustände unser Gedächtnis verzerren
Ein schlechter Zustand verändert, was uns leicht in den Sinn kommt. Wenn man enttäuscht ist, fallen einem alte Enttäuschungen leichter ein. Wenn man das Gefühl hat, im Rückstand zu sein, erscheinen plötzlich jede Verzögerung und jedes unerfüllte Vorhaben bedeutsam. Wenn man einsam ist, schenkt der Verstand selten all den Phasen die gleiche Aufmerksamkeit, in denen man sich geliebt, verbunden und verstanden fühlte.

Die Schlussfolgerung eines schlechten Tages kann sich deshalb jedes Mal wieder erstaunlich gut begründet anfühlen. Man ist dann nicht einfach nur sporadisch unglücklich, sondern das ganze Leben ist ein Trauerspiel. Und man kann sogar die Gründe dafür anführen.
Was die Stoiker dazu zu sagen haben
Genau hier werden die Stoiker hilfreich. Epiktet beispielsweise unterschied zwischen einem Eindruck und unserer Entscheidung, diesen Eindruck als Wahrheit zu akzeptieren. Ein schlechter Tag erzeugt einen Eindruck: Erschöpfung, Enttäuschung, das Gefühl, zu versagen. Dieser Eindruck ist real. Aber der Schritt, aus diesem Eindruck ein endgültiges Urteil über das gesamte Leben zu machen, ist keine Tatsache, sondern eine Entscheidung. Und Entscheidungen können wir hinterfragen.
Der Nachmittag, an dem man bei der Arbeit lustlos, demotiviert oder erschöpft ist, sagt nichts Verlässliches über die Karriere der nächsten zehn Jahre aus. Die eine Zurückweisung ist kein Urteil über alle zukünftigen Versuche, Bindung zu anderen aufzunehmen. Der einsame Abend ist nicht der Beweis, dass man für immer allein bleiben wird. Es sind Ebbe-Momente: wahr in diesen Augenblick, aber keine Beschreibung des gesamten Ozeans.
Die Aufgabe ist nicht, die Ebbe zu leugnen. Wir brauchen nicht so tun, als sei der Tag nicht schwierig gewesen. Die Aufgabe ist, sich daran zu erinnern, dass nach der Ebbe immer wieder auch die Flut kommt und dass ein einzelner Blick auf die Küste niemals das ganze Meer und das Land dahinter erklären kann.

