• Emotionales Kontextverständnis •

Emotional Literacy

Wie kann es gelingen, sich nicht ständig in den eigenen Emotionen zu verfangen? Und vor allem: Wie kann dies den Führungskräften in den Unternehmen gelingen? „Emotional Literacy“, ein emotionales Kontextverständnis, ist in Zeiten radikalen Wandels – in sogenannten VUCA-Welten – elementar wichtig. Nicht nur, um die eigene Krisenresilienz aufrecht zu erhalten, sondern auch, um die Menschen in der eigenen Umgebung durch die Krise mit hindurch zu führen. Der Erwerb des emotionalen Kontextverständnisses ist der Schlüssel zur Freisetzung des inneren Bewusstseins und des ungenutzten Potenzials, das in jedem Menschen bis ins hohe Alter schlummert.

Literacy

Emotionen sind „gelernte Antworten“ auf Handlungen und Symbole und können ähnlich behandelt werden wie eine Sprache, die man lernt. Eine Fremdsprache lernt man, indem man Grammatik und Vokabeln paukt und Satzkonstruktionen verinnerlicht. Wirklich sprechen lernt man die Sprache aber erst in dem Land, in dem sie gesprochen wird. Wenn man nämlich versteht, warum manche Ausdrücke verwendet werden, wenn man die Gestik und Mimik in die Deutungshoheit der Sprache einbezieht und so dem eigenen Sprechen Lebendigkeit und Authentizität verleiht. Weil genau jetzt nämlich Sprache und Kultur verschwimmen und einen gemeinsamen Kontext bilden. Das also, was wir in unserer Muttersprache selbstverständlich von Kindheit an lernen. In beiden Fällen spricht man von „Literacy“ – einem sprachlichen Kontextverständnis.

Emotional Literacy

Emotional Literacy macht uns zu „ganzen“ Menschen. Sie hilft uns, unser emotionales Potenzial zu leben, zu erleben und an ihm zu wachsen und zu transformieren – vom Kind, zum Jugendlichen, zum Erwachsenen, zum weisen Menschen. In jeder Lebensphase an jedem Tag unseres Lebens reifen wir durch ein bewusstes Kontextverständnis unserer Emotionen. Indem wir uns ihnen nicht hingeben, uns nicht in ihnen verlieren oder sie gar unterdrücken, sondern als sie als eine Art Sprache betrachten, deren Vokabular sich verändert, je besser wir die Sprache sprechen und je intensiver wir in die vielschichtigen Facetten ihrer Kultur eintauchen.

Emotional Literacy am Beispiel der Liebe

Liebe, als Emotion, hat ähnlich viele Facetten wie eine Sprache. Sie ist von Kontext zu Kontext anders. Es gibt die Geschwisterliebe, die Liebe zu den eigenen Kindern, die Selbstliebe, die Nächstenliebe, Menschenliebe, Tierliebe, die Liebe zur Natur, zum Beruf, zu den Kolleginnen und Kollegen; es gibt die narzisstische Liebe und die Hassliebe. Schließlich lieben wir auch bedingungslos, wir lieben körperlich (Eros) und jeder Mensch durchlebt irgendwann einmal die erste Verliebtheit. In die Gefühlswelt der Liebe gehört außerdem die tiefe Verbundenheit zu anderen Menschen, tägliche liebevolle Zuwendungen und das Gefühl der liebevollen Selbstachtung.
Die Liebe hat als Begriff und Gefühl historische Evolutionen durchlaufen und findet sich in jeder Weltreligion in unterschiedlicher Deutung und mit unterschiedlichen Dogmen versehen wieder. Fehlende Liebe und deren Folgen werden von Psychologen und Psychiatern behandelt und in der Literatur wird sie romantiziert, verklärt oder ideologisiert.
Wenn wir Liebe in ihrer ganzen Schönheit und Tragik „als emotionale Sprache“ sprechen und sie zutiefst verinnerlichen und verstehen wollen, brauchen wir gewissermaßen ein „Kontextverständnis der Liebe“ – also „Love Literacy“. Und so wie mit der Liebe verhält es sich wie mit jeder anderen Emotion. Sie alle sind vielschichtig, kontextabhängig, werden kulturell gleich empfunden, aber unterschiedlich gewertet und ausgelebt. Aus der „Love Literacy“ wird „Emotional Literacy“.